Festansprache zum 150jährigen Jubiläum der Fahne

Festansprache des Bürgers Eckhardt Debus zum 150jährigen Jubiläum der Fahne der Männergesellschaft Hainstraße:

Liebe Gäste, liebe Bürgerinnen und Bürger der MG Hain-Strasse.,

wie es unseren Protokollbüchern zu entnehmen ist, feierten am 8.7.1972, also fast auf den Tag genau vor 50 Jahren,134 Bürgerinnen und Bürger der Hain-Strasse. „mit Musik und Schwein am Spieß“ hier auf dem Dappesboden den 100. Geburtstag unserer Fahne. Weitere 25 Jahre später an selber Stelle ihr 125. Jubiläum.Beide Male durfte ich mit dabei sein. Zum 100. als einer der Vertreter der Burschenschaft Balbach und zum 125. - gemeinsam mit Herta Grebe - in der Verantwortung für das Jubiläumsfest.

Nun haben wir uns zu Ehren unserer „Alten Dame“, so die liebevolle Umschreibung unseres ehemaligen Schriftführers Gustav Herrmann, hier auf dem Dappesboden erneut versammelt, um einen weiteren „runden Geburtstag“, nämlich ihren 150. zu feiern, und es ist mir eine Ehre, die Jubilarin, der ich bei sieben Grenzgängen „über Stock und Stein“ jeden Meter gefolgt bin, würdigen zu dürfen.

Ein 150. Geburtstag erfordert selbstredend auch einen Rückblick in die Geschichte.

Zwei Quellen habe ich hierfür zu Rate gezogen. Zum einen die Rede unseres ehemaligen Mitgliedes und 70-er Hainstraßenführers Günter Bäumner, die er zum 125. Jubiläum vorgetragen hat sowie die „Kleine Grenzgangskunde“ unsers langjährigen Schriftführers Werner Stallmann, welche im 84-er Buch nachzulesen ist.

Ich werde mich dabei auf die mir am wichtigsten erscheinenden Eckdaten beschränken. Wer sich darüber hinaus tiefer in die Materie einlesen möchte, dem seien die beiden genannten Quellen empfohlen. G. Bäumner sowie W. Stallmann waren ausgewiesene Experten im Hinblick auf die Geschichte des Grenzgangs im Allgemeinen, wie auch der MG Hain-Strasse. im Besonderen.

Von G. Bäumner wissen wir, dass die Hain-Strasse. erstmals in der Zugordnung des Grenzgansfestes 1864 erwähnt wird. Aufzeichnungen über Personalien sowie Kassenbelege finden wir aus diesem Jahr nicht. Erst ab dem Jahr 1886 wurdenoffensichtlich regelmäßig Protokolle geführt. Somit ist auch nicht überliefert, wer 14 Jahre zuvordie Fahne gestaltet, genäht und beschriftet hat und wie sie finanziert wurde. Allein der Aufdruck der Jahreszahl 1872 gibt den Hinweis darauf, dass sie in diesem Jahr von den Bewohnern der Hain- und ihrer damals einzigen Nebenstraße, der Mühlwegstrasse gestiftet und erstmals bei einem Grenzgangsfest unserer Gesellschaft vorangetragen wurde.

Die Hain-Strasse. reichte in diesen Jahren, am Marktplatz beginnend, bis zur Abzweigung in den Obermühlsweg. Im dortigen Eckgebäude war damals das Landratsamt untergebracht. Viele von uns kennen es noch als das spätere Hotel Gercke, ein oft genutztes Versammlungslokal der MG Hain-Strasse., das aktuell leider verwahrlost und dem Verfall preisgegeben ist.

Ich springe wieder ins 19. Jahrhundert zurück, in dem sich 1871 das Kaiserreich unter Wilhelm I. gründete. In Anlehnung an die damaligen Reichsfarben wurden die ersten in einem Grenzgangsfest mitgeführten Fahnen in Schwarz-Weiß-Rot gestaltet.

Insgesamt vier Fahnen sind aus dem folgenden Grenzgangsjahr 1872 bekannt.Neben der unsrigen, die der Oberstadt, des Galgenbergs und der Burschenschaft Ludwigshütte. Während die Oberstadtfahne heute ihren Platz im Museum gefunden hat und die Fahne der Burschenhaft Ludwigshütte nicht mehr über die Grenze geführt wird, dürfen wir neben dem Galgenberg stolz darauf sein, dass unsere Fahne alle 18 seit 1872 gefeierten Grenzgänge in aktiver Funktion miterlebt hat.

Nach 1872 dauerte es 14 Jahre bis zum nächsten Grenzgangsfest. Erhebliche behördliche Vorbehalte, insbesondere die des damaligen Bürgermeisters Unverzagt und des Oberförsters von Zangen sind hierzu nennen. Dem Bürgermeister waren die Kosten zu hoch, der Oberförster hatte Bedenken wegen der Strapazen des Grenzbegangs, den er für völlig unnötig erachtete, war doch die Grenze seit 1777/80 mit 275 offiziell vermessenen Grenzsteinen versehen worden. Er formuliert: „… daß es gewiß eine große und zwecklose Strapaze ist, 3 Tage lang an den so beschwerlichen Grenzen der Biedenkopfer Gemarkung herumzulaufen und dieß noch obendrein ein Vergnügen zu nennen.“

So fiel das Fest im Jahr 1879 aus. Sieben Jahre später allerdings konnten sich die Bürger Biedenkopfs mit der Forderung nach der Abhaltung des Grenzgangsfestes wieder durchsetzen. Bei W. Stallmann lesen wir von einer grundlegenden Meinungsänderung des Bürgermeisters. In einem behördlichen Gutachten über den 86-er Grenzgang schreibt dieser jetzt an den Landrat:

„Das vorjährige Fest hat mich jedoch belehrt, dass dasselbe doch auch für andere und bessere Zwecke als den des bloßen Vergnügens da ist………Gegensätze, welche sich im Laufe der Zeit in der Gemeinde gebildet hatten, fanden bei dem Fest ihre Ausgleichung……..Nachbarn, die sich befehdet hatten, reichten sich die Bruderhand.…,gar manch zerrissene Freundschaft wurde erneuert. Es konnte auch gesagt werden, es sei ein Friedensfest geworden.“

Dieses vom Bürgermeister gezogene Fazit scheint mir heute gültiger denn je und beschreibt die Bedeutung unseres Grenzgangsfestes jenseits des „bloßen Vergnügens“, gegen das dann auch der Oberförster nichts mehr einzuwenden hatte.

Dieser 1886 gefeierte Grenzgang gilt als Vorbild für alle kommenden Feste und ist darüber hinaus Stiftungsjahr weiterer Gesellschaftsfahnen. Auch das mittlerweile gegründete Komitee schafft das schwarz-weiß-rote Banner, die sogenannte Stadtfahne an. Sie wird 1887 Fahne des damals gegründeten Grenzgangsvereins und von da ab jedes Mal dem Grenzgangszug voran getragen.

Ich springe ins Jahr 1900. In den Protokollen der MG Hain-Strasse. ist hier erstmals davon zu lesen, dass „in altbewährter Weise“ die jüngsten Ehemänner die Verpflichtung hatten, sich als Fahnenträger zur Verfügung zu stellen.Die Formulierung „in altbewährter Weise“ weist darauf hin, dass dies bereits vor 1900 Brauch gewesen sein muss. Auch von der Zeremonie der Vereidigung, nämlich „bei dem Fest treu zur Fahne zu stehen“, erfahren wir aus diesem Jahr. - Beides Bräuche, die sich bis heute erhalten haben.

Wir gehen weiter ins Jahr 1907, in dem zum ersten Male vom Schmücken der Fahne mit einer Schleife berichtet wird. Malermeister Theodor Plitt hatte sie mit dem schwarz-roten Rand auf weißem Tuch gestaltet und mit goldener Aufschrift versehen.

1914 stoppte dann der Beginn des 1. Weltkrieges jäh alle Festvorbereitungen und schickte die mittlerweile 42-jährige„Dame“ in eine erzwungene 21-jährige Ruhepause, in der im Jahr 1922 ihr 50. Geburtstag zu feiern gewesen wäre.

Nach dieser längsten grenzgangslosen Zeit der Biedenkopfer Geschichte konnte der Grenzgang 1928 endlich wieder „naus gieh.“In den Protokollen wird berichtet, dass während der Vorbereitungen auf das Fest eine feierliche Überreichung der Fahnenschleife durch die Bürgerinnen stattgefunden hat.

17 Fahnenschleifen legen mittlerweile Zeugnis davon ab, dass sich dieser Brauch bis heute erhalten hat und solange ich mich erinnern kann, bei der Hain-Strasse.als Höhepunkt und Abschluss aller Vorbereitungsarbeiten am letzten Wochenende vor Beginn des Festes in einer gemeinsamen Versammlung der Bürgerinnen und Bürger gefeiert wird.

Zurück ins Jahr 1928. Obwohl die Weimarer Republik inzwischen das Kaiserreich abgelöst und die neue Reichsverfassung Schwarz-Rot-Gold als neue Reichsfarben bestimmt hatte, tolerierte man seitens der Obrigkeit die traditionellen Fahnen der schwarz-weiß-roten „Kaiserherrlichkeit“. (Zitat G.Bäumner)

Auch im Grenzgangsjahr 1935, so berichtet er,trauten sich die Machthaber jener Jahre nicht an den Grenzgang mit seinem Brauchtum heran. W. Stallmann merkt an, dass das einzige Fest in dieser Periode unserer Geschichte seinen unpolitischen Charakter im Wesentlichen bewahrt habe. Obwohl der Fahnenschmuck in der Stadt dem Zeitgeist entsprach, wurden die traditionellen Fahnen, die unsrige mit mittlerweile 63 Jahren in der „Jugend des Alters“, allen Gesellschaften voran getragen.

Krieg und Nachkriegszeit führte dazu, dass das nächste Grenzgangsfest erst im Jahr 1950 stattfinden konnte. Bis heute haben wir danach 11 Feste in Frieden und Freiheit feiern dürfen und in der Zeitspanne auch die bislang großen Jubiläen unserer Fahne.

In Laufe ihres langen Lebens mussten sich die Verantwortlichen mehrfach um die Gesundheit der „Alten Dame“ kümmern. Bereits 1886, nur 14 Jahre nach ihrem ersten und bis dahin einzigen Auftritt, ist von der Notwendigkeit einer Renovierung die Rede. G. Bäumner führt dies auf eine möglicherweise unsachgerechte Lagerung zurück. Außerdem fehlten drei Schärpen. Mit einer Umlage von 30 Pfennigen pro Bürger wurde der Schaden behoben.

Auch 1894 kann man den Protokollen entnehmen, dass sie gewaschen, die Fahnenstange gestrichen und deren Spitze neu vergoldet wurde. 7,50 Mark waren hierfür zu bezahlen, für die man nach G. Bäumner damals 35 Liter Bier hätte bekommen können.

1907 erhob man für die „Aufbesserung“ der Fahne und die Anschaffung neuer Schärpen eine Umlage von 20 Pfennigen. Eine Diskussion über die Anschaffung einer zweigeteilten Fahnenstange wurde ebenfalls geführt, letztendlich aber beschlossen, dass ein Neuanstrich ausreichend sei. Dieses Mal bezifferten sich die Gesamtausgaben auf 9,80 Mark. Nach Dreisatzrechnung und unter Berücksichtigung der Werte des Jahres 1894 = 44.33 Liter Bier.

1928 kam es dann zur Neuanschaffung der bereits vor 21 Jahren erwünschten zweiteiligen Fahnenstange, welche wir wohl bis heute noch benutzen. Drechslermeister Carl Zimmermann fertigte sie für 25 Reichsmark an.

Es ist davon auszugehen, dass in den folgenden Jahrzehnten weitere Reparaturen und Reinigungen vorgenommen wurden. Hiervon habe ichallerdings keine Protokolleinträge mehr gefunden. Alleine die Tatsache, dass die Jahreszahlen aller Grenzgangsfeste aufgebracht wurden, ist Beweis dafür, dass regelmäßige Revisionen stattgefunden haben.

1997, im Jahr des 125. Jubiläumsfestes, wurde in der Jahresabschlussversammlung eineDiskussion darüber geführt, ob nicht zu überlegen sei, die „Alte Dame“ endlich in ihren wohlverdienten Ruhestand zu entlassen und die Frage aufgeworfen, ob bis zum ersten Grenzgang im neuen Jahrtausend Ersatz beschafft werden müsse und dafür ein finanzieller Grundstock zu legen sei. Im Protokoll wird von einem Bürger berichtet, der dafür bis zum Jahr 2005 jährlich zehnmal so viele Liter spenden wollte, wie er im jeweiligen Jahr Lebensjahre alt sei. Überschlagsweise berechnet, wäre eine Summe von 4.000 Litern zusammen gekommen.

Die sind uns leider entgangen, da die „Alte Dame“ bis hin ins letzte Grenzgangsjahr 2019 ihre so robuste Konstitution bewiesen und gezeigt hat, dass sie weiterhin rüstig genug ist,den Bürgerinnen und Bürgern der Hain-Strasse. vorangetragen zu werden.

Die Bestätigung hierfür lieferte erst kürzlich die Begutachtung einer Fahnenfirma in der Nähe von Regensburg. Bis auf die verschlissenen Fransen bescheinigten die Fachleute ihr einen guten Zustand und rieten von einer größeren Restauration ab. Es wurden lediglich die Fransen erneuert und die fehlende Jahreszahl aufgebracht.

So lasst uns zuversichtlich in die Zukunft schauen und hoffen, dass auch zum 175. Geburtstag unserer „Alten Dame“ wieder ein großes Fest auf dem Dappesboden gefeiert werden kann.

Mit einem auf den heutigen Anlass abgewandelt Zitat von G. Bäumner will ich enden:

„Ein sichtbares Zeichen von Tradition ist unsere ehrwürdige Fahne, die uns seit 150 Jahren als stumme Zeugin bis zum heutigen Fest begleitet hat. Möge sie es noch lange tun, damit wir und spätere Generationen ihr noch oft in Frieden „über Stock und Stein, bei Wind und Wetter“ über die Grenze folgen können.“

Eckhardt Debus